Die Cybersyn-Revolution

Fünf Dinge, die uns ein sozialistisches Computer­projekt aus Salvador Allendes Chile beibringen kann

von Eden Medina

Chile 1971. Der englische Wissenschaftler Stafford Beer wird mit dem Umbau der Ökonomie des Landes nach kybernetischen Prinzipien beauftragt. Was folgt, ist die ekstatische Verschmelzung von europäischer Kybernetik und chilenischem Sozialismus. Mit dem ­Militärputsch von 1973 findet das Experiment ein jähes ­Ende. Die amerikanische Historikerin Eden Medina präsentiert die einzigartige historische Episode als Lehrstück für das vielschichtige Gefüge aus Techno­logie und Politik.
Während oft suggeriert wird, dass die Vergangenheit uns beibringt, wie wir mit der Gegenwart umgehen sollen, werden wir nur selten durch veraltete Technologien inspiriert. Noch seltener kommt es vor, dass historische Erfahrungen aus weniger industrialisierten Ländern herangezogen werden, um die technologischen Herausforderungen von heute anzugehen – so vermutet niemand, dass ein jahrzehntealtes sozialistisches Projekt uns helfen könnte, über Technologien nachzudenken, die von den Kapitalist*innen des Silicon Valleys propagiert werden. Und dennoch bietet das Projekt Cybersyn – ein Computersystem, das in den 1970er-Jahren im sozialistischen Chile entwickelt wurde – solche Impulse und hilft uns, Technologie und Daten heute neu zu denken.

Cybersyn war ein gewagtes technologisches Projekt. Es tauchte im Zusammenhang mit Chiles friedlichem Weg in den Sozialismus auf: Salvador Allende hatte 1970 die Präsidentschaftswahlen durch sein Versprechen gewonnen, eine vollkommen neue Gesellschaft aufbauen zu wollen. Sein politisches Programm würde Chile in einen demokratischen sozialistischen Staat verwandeln, der die Verfassung des Landes und seine individuellen Freiheiten respektieren wollte. Dass der Staat die bedeutendsten Industriezweige kontrollieren sollte, war ein essenzieller Baustein von Allendes Plan, der jedoch schwer umzusetzen war. Die Regierung hatte nicht viel Erfahrung in diesem Bereich. Trotzdem übernahm sie Ende 1971 die Kontrolle über mehr als 150 Unternehmen, darunter zwölf der 20 größten Unternehmen in ganz Chile.

Die Herausforderung, diese nun sozialistischen Unternehmen zu führen, brachte einen jungen chilenischen Ingenieur namens Fernando Flores auf die Idee, den britischen Kybernetiker Stafford Beer um Rat zu fragen. Flores arbeitete für die Behörde, die mit der Nationalisierung der Unternehmen betraut war. Beer war ein internationaler Unternehmensberater, der für seine Arbeit auf dem Gebiet der Management-Kybernetik bekannt war, welche er als “Kybernetik einer effektiven Organisation” bezeichnete.

Gemeinsam versammelten sie ein Team von chilenischen und britischen Ingenieur*innen und entwickelten einen Plan für ein neues technologisches System, das die Möglichkeiten der Regierung verbessern sollte, die staatlich geführten Wirtschaftsunternehmen zu koordinieren.
Das System sollte den täglichen Zugang zu den Produktionsdaten der Fabriken erleichtern. Es arbeitete mit computerbasierten Methoden, die der Regierung helfen sollten, zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen zu prognostizieren. Außerdem beinhaltete es eine futuristische Operationszentrale, die staatliche Entscheidungen durch Austausch und besseres Verständnis unterstützen würde. Beer setzte es sich zum Ziel, die Beteiligung der Arbeiter*innen anzukurbeln und gleichzeitig die Autonomie der Fabrikdirektor*innen auch dann zu schützen, wenn die staatliche Einflussnahme sich verstärkte.

Die Mitglieder der chilenischen Regierung waren davon überzeugt, dass dieses System den Erfolg von Allendes Wirtschaftsprogramm noch verstärken würde – und somit auch der sozialistischen Revolution zugutekäme. Beer nannte das System Cybersyn. Der Name verwies einerseits auf die Kybernetik (cybernetics) und damit auf das wissenschaftliche Prinzip, auf der die Entwicklung fußte. Andererseits machte der Name auf den Begriff der Synergie aufmerksam – und darauf, dass hinter der Idee mehr steckte als eine Reihe technologischer Bestandteile.

Sogar Jahrzehnte nach seiner Erfindung kann uns das Projekt heute noch wertvolle Hilfestellung leisten. Erst einmal erinnert es uns daran, dass der Staat eine wichtige Rolle in der Gestaltung von Technik spielt und uns dabei helfen kann, Innovation so zu entwickeln, dass sie der Gesellschaft zugutekommt und ausgegrenzte soziale Gruppen unterstützt, anstatt ausschließlich auf Effizienz und Profitmaximierung zu setzen. Zweitens müssen wir aufmerksam beobachten, auf welche Weise technologische Tendenzen die Wirksamkeit von Technologien einschränken und demokratische Teilhabe und Inklusion behindern. Während uns ständig auftauchende neue Produkte suggerieren, dass Technologie schnell veraltet, kann uns die Nutzung älterer Technologien drittens helfen, Probleme zu lösen und gleichzeitig die Kosten niedrig zu halten und weniger Abfall zu produzieren. Viertens ist es notwendig, die Privatsphäre zu schützen, um einen möglichen Missbrauch der zentralisierten Datenkontrolle zu vermeiden. Und fünftens und letztens müssen wir kreativ darüber nachdenken, soziale und organisatorische Systeme so zu verändern, dass wir wirklich das meiste aus der Technologie herausholen. Denn technologische Innovation allein macht die Welt nicht zu einem besseren Ort.

"Big Data Lessons from Our Cybernetic Past" - Eden Medina (Strata + Hadoop 2015)
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Der Staat und seine Prioritäten geben vor, wie Technologie gestaltet und genutzt wird.

Der Staat prägt die Beziehung, die zwischen Arbeit und Technologie entsteht. Er kann die Entwicklung von Systemen unterstützen, die der allgemeinen Bevölkerung zugutekommen. Er kann aber auch genau das Gegenteil tun. Wenn man sich z.B. anschaut, wie die Ge­schichte der Informatik in den USA verlaufen ist, wird schnell deutlich, wie eng sie mit Regierungsbefehlen, Kontrolle und einem Automatisierungsbestreben verknüpft ist.

Dass das nicht so sein muss, sieht man, wenn man sich anschaut, dass die Regierung unter Allende die Frage von Arbeit und Technologie durch das Projekt Cybersyn zu lösen suchte. Für Allendes Wirtschaftsplan und seine Strategie, allen Chilen*innen zu helfen, waren vor allem die Beschäftigungszahlen wichtig. Seine Regierung initiierte neue Formen der Ar­bei­ter*innenteilhabe und versuchte, das Wissen der Arbeiter*innen in den Prozess der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung mit aufzunehmen.

Dieses politische Klima erlaubte es dem britischen Kybernetiker Beer, der Chile in diesem Bestreben unterstützte, Computertechnologien als Möglichkeit zu sehen, Arbeiter*innen mehr Macht zuzusprechen. 1972 veröffentlichte er für die chilenische Regierung einen Bericht, in dem er vorschlug, die Kontrolle über das Cybersyn-Projekt nicht an die Manager*innen oder Technokrat*innen der Regierung ab­zugeben, sondern den Ar­beiter*innen anzuvertrauen. Beer ging sogar noch weiter und malte sich aus, dass die chilenischen Arbeiter*innen auch an der Ausarbeitung von Cybersyn beteiligt sein sollten.

Er empfahl der Regierung, den Arbeiter*innen – und nicht den Ingenieur*innen – zu erlauben, Modelle der staatlich kontrollierten Fabriken zu bauen, weil sie doch viel eher qualifiziert waren, die Abläufe in der Fabrikhalle genau wiederzugeben. Die Arbeiter*innen könnten so dabei helfen, das System zu gestalten, das sie später selbst betreiben und nutzen würden. Indem man den Arbeiter*innen erlaubte, nicht nur ihre Hände, sondern auch ihren Kopf zu gebrauchen, würde man vermeiden, dass sie sich von ihrer Arbeit entfremden.

Beers Idee einer demokratischen Teilhabe hatte jedoch auch ihre Schwachstellen: So zog er beispielsweise nicht in Betracht, dass seine Idee, das Wissen der Arbeiter*innen in die Codierung von Softwareprogrammen einfließen zu las­sen, letztendlich zu einer Entmachtung der Arbeiter*innen führen könn­te, vor allem, wenn die politischen Zu­sam­menhänge sich ändern sollten.

Gleichzeitig besaß Beer die Fähigkeit sich vorzustellen, wie Computertechnik in einer Fabrik zu einem anderen Ziel eingesetzt werden könnte als dem der Beschleunigung und der Dequalifizierung – das Ergebnis der kapitalistischen Entwicklung, die Arbeitswissen­schaft­ler*innen wie Harry Braverman in den USA beobachtet haben, wo die Regierung nicht das Ziel im Sinn hatte, die Arbeitslosigkeit aktiv zu beschränken oder eine Arbei­ter*­innenteilhabe zu fördern.
1974 veröffentlichte Braverman seinen einflussreichen Text “Labor and Monopoly Capital”. Zu dieser Zeit arbeitete Beer für die chilenische Regierung. In seinem Text beobachtet Braverman, dass von Computern kontrollierte Maschinen zu der Automatisierung von Arbeit beitrugen und zu einer Dequalifizierung der Arbeiter*innen führten, sogar in sehr spezialisierten Bereichen wie z.B. dem Maschinenbau. Die gleiche Entwicklung nahm er im Kontext der Computerarbeit in Büros wahr. Computer führten zu stärker routinierten Arbeitsabläufen und erlaubten es der Führungsebene, einfach zu überblicken, wie viel Arbeit jede*r Mitarbeiter*in verrichtet hat. Das durch diesen Prozess beschleunigte Tempo bringt jedoch die Gefahr von mehr Entlassungen mit sich.

Beer sah die Umstellung auf Computer weniger kritisch, nicht zuletzt auch, weil die chilenische Regierung darauf beharrte, dass ihr sozialistisches Computersystem für andere Zwecke konzipiert war als die von Braverman beschriebenen. So nutzte Beer die Möglichkeit einer Neukonzipierung von Technologie in und für Fabrikhallen: Für ihn dienten Computer dem Zweck, die Arbeiter*innen selbst zu ermächtigen.

Das Projekt Cybersyn verdeutlicht, dass eine Regierung die Weichen dafür stellen kann, dass eine neue Richtung des Design Thinking eingeschlagen wird. Der Staat kann Technolog*innen dazu auffordern (und inspirieren) zu berücksichtigen, wie Systeme den Interessen der allgemeinen Bevölkerung dienen können, die zwar mit Profit, wirtschaftlichem Erfolg, Effizienz, technischer Eleganz oder Coolness einhergehen können, aber nicht unbedingt müssen. Innovative Computertechnik gibt es nicht erst, seitdem die Start-ups im Silicon Valley aus dem Boden sprießen. Sie kann durchaus auch Erfolg haben, wenn sie an Überlegungen geknüpft ist, die nicht in einen marktkonformen Rahmen passen.

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Die Systeme der Zukunft müssen frei von heutigen Voreingenommenheiten sein.

Vererbte Vorurteile wird man nicht über Nacht los, deshalb müssen wir genau aufpassen, auf welchen Wegen solche Vorurteile ihren Weg in Systemdesigns finden und sie prägen. Wenn wir darauf nicht achten, laufen wir Gefahr, dass Technologien, die einer verstärkten demokratischen Teilhabe dienen und die Interaktion zwischen Mensch und Maschine verbessern, wiederum bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgrenzen oder ausschließen. Auch in diesem Bereich eröffnet das Projekt Cybersyn wichtige Einblicke.

Das Cybersyn-Projekt ist vor allem für seine Operationszentrale bekannt, ein futuristisch aussehender Ort, der eigens dafür konzipiert war, Entscheidungsprozes­se zu erleichtern. Der sechseckige Raum war mit insgesamt sieben in einem Kreis angeordneten Stühlen ausgestattet. Die Designer*in­nen bestanden auf einer ungeraden Zahl an Stühlen, um bei Abstimmungen ein unentschiedenes Ergebnis zu vermeiden. Sie sprachen sich außerdem gegen einen Tisch aus, da dieser eher dazu anregte, Unterlagen zu sortieren, als sich rege an einer Diskussion zu beteiligen. Mehrere Leinwände waren über die Wände des Raums verteilt. Darauf waren Daten zur wirtschaftlichen Lage des Landes abzulesen. Warnsignale machten deutlich, welchen Bereichen dringend staatliche Unterstützung zuteilwerden musste. Die auf den Wänden abgebildeten Daten wurden mithilfe von Farbe, Licht und grafischem Design so aufbereitet, dass die Anwesenden die komplexen Zusammenhänge der chilenischen Industrie schnell erfassen konnten. Frühe Skizzen des Raums nahmen sogar den Plan für eine Minibar mit auf.

Die Stühle im Raum wiesen ähnliche Kennzeichen eines gut durchdachten Design Thinking auf. So würden die Anwesenden die auf den Bildschirmen dargestellten Informationen z.B. durch “Big hand”-Knöpfe steuern, die in den Armlehnen ihrer Stühle eingelassen waren. Die­se großen geometrischen Knöpfe ersetzten eine gewöhnliche Tastatur und zeigten, dass den Designer*innen bewusst war, dass sie von Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Umfeldern genutzt werden würden. Sie argumentierten, dass chilenische Arbei­ter*­innen keine Erfahrung mit einer Tastatur haben würden – und dass die geometrischen Knöpfe eine nutzer*innenorientierte Alternative böte, die die Beteiligung der Ar­beiter*innen erst möglich machte.

Das Designteam berücksichtigte gleichzeitig aber auch, dass hochrangige Regierungsbeamt*innen den Raum nutzen würden. Diese Beamt*innen hatten mitunter ebenso wenig Erfahrung mit der Handhabung einer Tastatur, wenngleich auch aus einem anderen Grund: Sie hatten Sekretärinnen. Beer wies darauf hin, dass eine Tastatur suggerieren würde, dass eine Mitarbeiterin zwischen ihnen und der Maschine stehen würde. Für ihn war es aber äußerst wichtig, dass sich die Teilnehmenden direkt mit der Maschine und miteinander auseinandersetzten.

Die Knöpfe waren also auch ein Weg, Frauen von dem Ort des Entscheidungsprozesses fernzuhalten. Außerdem regten sie zu einer “maskulinen” Ausdrucksform an: Beer schrieb, dass die Knöpfe allein mit dem Daumen gedrückt werden muss­ten, wenn einer der Beteiligten etwas beitragen wollte.

Solche konzeptionellen Entscheidungen wa­ren keineswegs objektiv. Sie spiegelten wider, wen die Designer*innen als Machthabende in der chilenischen Revolution betrachteten. Ausgehend von dieser Vision gestalteten sie ihr Projekt. Männ­liche Fabrikarbeiter und Regierungsbeamte würden ihrer Meinung nach die Entscheidungen treffen. An­dere Arten von Arbei­ter*in­nen, wie beispielsweise Büroangestellte oder Frauen, zählten für sie nicht dazu.

Diese das Design betreffenden Überlegungen weisen auf eine Schwäche in der Imagination des revolutionären Chiles hin. Gleichzeitig zeigen sie, dass unsere Voreingenommenheiten bezüglich Fragen von Klasse oder Gender uns auch dann begleiten, wenn wir versuchen, uns eine gerechte und gleichberechtigte Zukunft vorzustellen.

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Mit weniger können wir mehr tun und dabei noch der Umwelt helfen.

Für neue Technologien zahlt die Umwelt oft durch mehr Konsum und den entstehenden Elektroabfall einen hohen Preis. Von 1997 bis 2009 haben sich die Verkaufszahlen für elektronische Geräte weltweit verdoppelt. Der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency) zufolge haben Amerikaner*innen 2009 allein 29,4 Millionen elektronische Geräte und 129 Millionen Mobilfunkgeräte entsorgt. 2012 produzierten die USA den meisten Elektroabfall weltweit, er belief sich auf insgesamt 9,4 Millionen metrische Tonnen. Ein Großteil dieser Abfälle wird in Ländern wie China, Indien und Pakistan weiterverarbeitet, wo die Rückgewinnung von wertvollen Rohstoffen wie Gold Arbeiter*innen oft giftigen Metallen, z.B. Blei, aussetzt.

Der Devisenmarkt für elektronische Produkte ist von ihrem mit eingeplanten Werteverlust abhängig: Produkte veralten schnell und gelten dann als nicht mehr modern. Indem wir die Lebensdauer elektronischer Geräte verlängern, können wir dem Problem des Elektroabfalls entgegenwirken. Das Projekt Cybersyn hat gezeigt, dass es möglich ist, auch mithilfe von Technologien, die nicht auf der Höhe der Zeit sind, richtungweisende und moderne Systeme zu entwickeln. Das beweist, dass wir in der Gestaltung der Zukunft einen Bogen zu unserer technologischen Vergangenheit schlagen können.

Als das Cybersyn-Projekt in den 1970er-Jahren entwickelt wurde, gab es in ganz Chile vielleicht 50 Computer, von denen die meisten schon veraltet waren. Und Chile konnte auch nicht einfach IBM um Hilfe bitten. Nachdem Allende gewählt worden war, schränkte IBM seine Tätigkeiten in Chile ein, weil die Firmenleitung fürchtete, dass die chilenische Regierung auch ihr Unternehmen verstaatlichen würde. Die Regierung unter Nixon führte außer­dem eine “unsichtbare Blockade” ein, um die chilenische Wirtschaft zu schwächen und Lateinamerika da­von abzuhalten, ein “rotes Sandwich” zu werden – mit Kuba auf der einen und Chile auf der anderen Seite. Diese Maßnahmen hinderten Chile daran, weitere technische Geräte aus den USA zu importieren.

Beer und das chilenische Team mussten sich also etwas einfallen lassen und hatten die geniale Idee, ein Netzwerk zur Datenverarbeitung zu entwickeln, das die Fabriken des Landes mit der Schaltzentrale verbinden würde: Sie verbanden den einen veralteten Computer, den sie besaßen, mit einem anderen nicht gerade hochmodernen technischen Gerät, dem Telefax – oder, um genau zu sein, mit Hunderten von ihnen. Und es funktionierte.
1972 löste ein national organisierter Streik von bis zu 40.000 Fernfahrer*innen einen Notstand im Land aus, weil er die Verteilung von Lebensmitteln, Benzin und Rohstoffen für die Fabrikarbeit lahmlegte. Die Regierung nutzte das für das Projekt Cybersyn entwickelte Telefaxnetzwerk, um festzustellen, welche Straßen noch offen waren, koordinierte so die Distribution der wichtigsten Rohstoffe und schaffte es dadurch, die Produktion in den Fabriken aufrechtzuerhalten.

Das Cybersyn-Netzwerk verbesserte die Kommunikation innerhalb der Regierung und führte zu einer enormen Beschleunigung des Tempos und der Frequenz, mit der die Regierung landesweit Nachrichten verschicken und empfangen konnte. Ihm fehlte sicherlich die technische Raffinesse eines ARPANET, des US-militärischen Kommunikationssystems, das als Vorläufer des Internets gilt und etwa zur gleichen Zeit entwickelt wurde wie das chilenische Telefaxsystem. Aber das chilenische Netzwerk machte von weniger technischen Ressourcen Gebrauch und bewährte sich dennoch als überaus funktional. Ältere Technologien wurden neu umkonzipiert und mit anderen Formen organisierter und sozialer Innovation kombiniert.

Neue Technologie ist nicht wirklich so immateriell, wie man denkt. Wir sprechen oft davon, dass unsere Daten in der “Cloud” gespeichert sind — ein Begriff, der eine nicht physische Existenz nahelegt. Aber Serverfarmen be­nötigen auch eine erhebliche Menge natürlicher Ressourcen. Ein 15-Megawatt-Da­ten­zentrale kann bis zu 1,4 Millionen Liter Wasser pro Tag verbrauchen. Das kürzlich fertiggestellte NSA Utah Data Center verbraucht sogar 3,8 Millionen Liter Wasser am Tag und 65 Megawatt Strom. Eine fortschrittliche Umwandlung neuer Technologien würde eine höhere Selektivität in der Datensammlung fördern und hinterfragen, ob wir wirklich so viele Daten speichern müssen, nur weil wir es können.

Das Cybersyn-Projekt beweist auch, dass man mit weniger mehr erreichen kann. Das chilenische Projekt versuchte nicht, ein sowjetisches Projekt nachzuahmen, das mit ökonomischer Kybernetik arbeitete, Fabrikdaten sammelte und diese an zentral hierarchisierte Computerzentralen schick­te, um sie dort weiterzuverarbeiten. Das dort entwickelte System schickte täglich nur zehn bis zwölf Produktionsregister an seine Zentralen. Dafür verbrachten Spezia­list*­innen in den Fabriken vor Ort mehr Zeit damit, die wichtigsten Register auszuwählen.

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Der Schutz der Privatsphäre kann den Unterschied machen zwischen einem System des Missbrauchs und einem System, das die Freiheit fördert und schützt.

Der Schutz der Privatsphäre ist essenziell, um den Missbrauch von zentralisierter Kontrolle zu vermeiden. Technologische Innovationen wie Smartphones, datenbasierte Analysen, Smart Cities und ein Internet of Things: All diese Entwicklungen machen die Datensammlung einfacher und erlauben es uns, große Mengen menschlicher und nicht menschlicher Aktivität zu verwalten.

In den 1970er-Jahren beschrieben Kritiker*­innen das Projekt Cybersyn als eine Art der autoritären, zentralisierten Kontrolle, weil Daten zu den Fabrikabläufen gesammelt und an die chilenische Regierung weitergegeben wurden. “New Scientist” z.B. veröffentlichte einen Leitartikel, in dem behauptet wurde, dass “der Erfolg dieses Projekts bedeuten würde, dass Beer eine der mächtigsten Waffen der Geschichte geschaffen hat”.

Aber solch eine Interpretation verstand nicht, wie das System tatsächlich funktionierte. Diese Fehlinterpretation hatte oft etwas Ideologisches – in Chile war sie an eine generelle Kritik der Regierung Allendes geknüpft und kam aus den Rängen der politischen Rechten in der Opposition, die der Meinung waren, dass Allendes Regierung Chiles Bürgerrechte zerstörte.

Tatsächlich missbrauchte das Projekt Cybersyn die zentralisierte Kontrolle nicht, da es Mechanismen beinhaltete, um die Autonomie der Fabriken zu schützen und zu bewahren. Diese Vorkehrungen waren in die Konzeption des Systems eingearbeitet. So konnte die Regierung beispielsweise nur in die Abläufe in den Fabrikhallen eingreifen, wenn die Software eine Anomalie in der Produktion feststellte und die Fabrik diese nicht in einem bestimmten Zeitraum beheben konnte.

Menschliche und technische Beschränkungen grenzten die Interventionen der Regierung zusätzlich ein. Z.B. konnten in der Fabrik nicht täglich tausend verschiedene Produktionsregister durchgesehen werden, die zehn oder zwölf wichtigsten wurden jedoch sehr wohl im Blick behalten. Die begrenzte Nummer von Indikatoren machte es außerdem für die Software einfacher, die dringendsten Notfälle auszumachen und dort staatliche Unterstützung zu leisten. Gleichzeitig verlangte genau das auch von chilenischen Ingenieur*innen zu entscheiden, welche Daten die Regierung wirklich brauchte.

Diese Einschränkungen führten dazu, dass die Regierung den Großteil der Abläufe in den Fabriken nicht einsehen konnte, ihre Freiheit gewahrt und die chilenischen Arbeiter*innen vor einer Orwell’schen Überwachung bewahrt wurden. Sie schufen einen Mantel der Privatsphäre, die es den Arbeiter*innen erlaubt hätte, sich an der wirtschaftlichen Führung ihres Unternehmens zu beteiligen, ohne die belehrende Kontrolle externer Bürokrat*innen fürchten zu müssen.

Beer konzipierte das Projekt Cybersyn so, dass die Arbeiter*innen verstanden, wie die datenbasierte Regulierung funktionierte, indem er ihnen die Möglichkeit gab, die Modelle zu gestalten, von der ausgehend die Cybersyn-Software entwickelt wurde. Theoretisch konnten sie so die Blackbox des Computers öffnen und die analytischen Vorgänge verstehen, die dort abliefen. Dies passierte allerdings nur in der Theorie, weil die Regierung Allendes durch einen Militärputsch zu Fall kam, der dem Präsidenten das Leben kostete und der Demokratie in Chile für die folgenden 17 Jahre ein Ende setzte. Die Militärdiktatur und eine Wirtschaftspolitik, die oft als “neoliberale Schocktherapie” beschrieben wird, beendeten das Projekt Cybersyn, bevor es vollständig umgesetzt werden konnte. Für die Verfechter*innen eines wirtschaftlichen Liberalismus machte es wenig Sinn, mit einem Computersystem zu arbeiten, das dem Staat half, die industrielle Produktion zu regulieren.

Und dennoch behalten Beers Ideen ihren Wert und erinnern uns daran, dass nicht nur computergesteuerte Transparenz wichtig ist, sondern auch demokratische Kontrolle. Wenn Codes Gesetze sind, wie Lawrence Lessig bekanntlich behauptete, dann sollte der Code, durch den neue Technologien unsere Leben bestimmen, nicht allein Ingenieur*innen und Programmierer*innen überlassen werden.

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Wir müssen an das große Ganze denken, denn Technologie allein wird die Welt nicht zu einem besseren Ort machen.

Wir müssen anfangen, systemisch zu denken, anstatt immer nach den schnellsten technischen Lösungen zu suchen. Debatten zu Smart Cities kreisen z.B. oft um eine verbesserte Infrastruktur von Netzwerken und den Umgang mit Informationen und Kommunikationstechnologien wie integrierten Sensoren, Mobiltelefon-Apps und Online-Serviceangeboten. Oft gehen wir davon aus, dass solche Eingriffe automatisch die Qualität des städtischen Lebens verbessern wer­den, weil sie den Bewohner*innen dieser Städte einen einfacheren Zugang zu behördlichen Diensten ge­währen und es der Stadtverwaltung ermöglichen, anhand digitaler Daten die Stadtgestaltung zu verbessern.

Aber solch ein technischer Determinismus zieht nicht ganzheitlich in Betracht, dass solche technologischen Neuerungen auch negative Auswirkungen auf bestimmte Aspekte des Stadtlebens haben können. Der Soziologe Robert Hollands argumentiert z.B., dass technisch ausgerichtete Initiativen, die sich auf Smart Cities konzentrieren, zu einem Zuwachs an technisch affinen Arbeitnehmer*innen führen und somit andere Arbeiter*innengruppen verdrängen. Außerdem können solche Maßnahmen öffentliche Gelder so lenken, dass sie hauptsächlich für den Aufbau einer computerbasierten Infrastruktur genutzt und wichtige andere Bereiche weniger bezuschusst werden.

Hollands geht davon aus, dass Smart Cities zuerst einmal verstehen sollten, wie das menschliche Miteinander in urbanen Räumen funktioniert und wie ungleiche Machtverhältnisse systematisch produziert werden. Technologien sollten in einem zweiten Schritt in den Stadtraum integriert werden, um diese Ungleichheiten auszubalancieren.

Beer teilte Hollands Meinung. Während er das Projekt Cybersyn entwickelte, konstatierte Beer immer wieder seine Frustration darüber, dass Cybersyn als eine Reihe technischer Problemlösungen angesehen wurde – als Operationszentrale, Telefaxnetzwerk, ökonomischer Simulator, eine die Produktion verfolgende Software – und nicht als ein Weg, die Wirtschaftsführung Chiles umzugestalten.
 
Beer wollte das System verstehen, das hinter Chiles Wirtschaftsführung stand, und herausfinden, wie der Regierungsapparat verändert werden müsste, um die Koordinierung seiner Abläufe zu verbessern. Er betrachtete Technologie als ein wirksames Mittel, mithilfe dessen man die interne Organisation der chilenischen Regierung verändern konnte. Wäre er heute noch am Leben, würde Beer sich sicher beschweren, dass Regierungen technische Neuerungen einführen, indem sie lediglich bereits existierende Formulare online verfügbar machen oder schon bestehende Prozesse digitalisieren. So vergeben sie die Chance, die Organisationen selbst effektiver zu gestalten.
Wir müssen uns einem apolitischen “Innovationsdeterminismus” entgegenstellen, der in neuen Apps, Online-Serviceangeboten oder vernetzten Geräten einen Weg sieht, um die Gesellschaft voranzubringen. Stattdessen sollten wir über kreative Wege nachdenken, die Struktur von Einrichtungen, politischen Abläufen und Gesellschaften zum Besseren zu verändern, und dabei in den Blick nehmen, wie Technologien uns auf diesem Weg unterstützen können.

Die Herausforderungen, der sich die Entwickler*innen von Cybersyn stellen mussten, gehörten nicht allein in ihre Zeit – auch heute stehen wir ähnlichen Problemen gegenüber. Obwohl das Projekt keineswegs perfekt war, sollten wir nicht vergessen, was wir aus ihm lernen können, wenn wir versuchen, eine Zukunft zu gestalten, in der Technologie so eingesetzt wird, dass sie der gesamten Gesellschaft zugutekommt.
Dieser Text erschien erstmals im April 2015 auf Englisch im Online-Magazin Jacobin: www.jacobinmag.com.
Übersetzung aus dem Englischen: Mieke Woelky.